Donnerstag, 27. November 2014
Der Garten hinter dem Schlüsselloch - eine Kurzgeschichte
Wenn Antje durch die Ortschaft schlendert, ihren Gedanken nachhängend und in den Ideen treibend, die ihr auf den Spaziergängen durch den Kopf geistern, dann kommt sie auf ihrem Weg meist an einem eisernen Gartentor vorbei. Verrostet mit einem von Grünpflanzen fast unsichtbar gemachten Schlüsselloch. Jedes mal fragt sie sich, wann wohl das letzte Mal jemand den Schlüssel gedreht hat. Gibt es überhaupt noch jemand der für diese Gartentür einen Schlüssel besitzt? Hinter dem Zaun liegt ein Stück verwilderte Wiese. Drei Apfelbäume stehen drin, die Jahr für Jahr treu ihre Äpfel tragen und in den Herbstmonaten ist niemand da, der sie aufhebt. Sie fallen zu Boden. Der Geruch von verfaulendem Obst ist schon von weitem zu riechen.
Und jedes Mal sinniert Antje was sie mit diesem Stück Wiese machen würde, wenn der Besitzer käme und es loswerden wollen würde.
Sie würde erst einmal die Wiese mähen und die Bäume schneiden. Sie würde rund um den Zaun Blumen pflanzen - in allen Farben und sie müssten richtig intensiv duften. Vielleicht würde sie in einer Ecke zwei Gemüsebeete anlegen. Sie würde in der Mitte des Gartens ein kleines Gartenhäuschen bauen, ihre Freunde einladen, ein Lagerfeuer anzünden, grillieren. Sie würde ein Tisch und ein Gartenstuhl aufstellen und an lauen Sommerabenden der Amsel zuhören. Irgendeinmal würde sie ein Plantschbecken für ihre Kinder aufstellen, im Winter mit ihnen einen grossen Schneemann bauen - er müsste eine Karottennase kriegen. Sie würde für sie ein Zelt aufstellen und im Garten campen. Sie würde die Äpfel aufsammeln, Konfitüre kochen, Saft pressen, Apfelringe trocknen.
Sie würde so vieles!
Sie geht weiter und der Garten ist immer noch verwildert, die Obst fault vor sich hin und eine Amsel singt ungehört ihr Abendlied.
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